Unter dem Thema "Nepp im Netz" berichtete die c't zum Beispiel:

Ob finanziell riskantes Pyramidenspiel, eine falsche Viruswarnung oder die Aufforderung, einem kranken Kind zu helfen - das Internet ist ein ideales Medium für Nepper, Schlepper und Bauernfänger.

Zig-Tausende trauerten um die neunzehnjährige Kaycee aus der US-Kleinstadt Peabody, die ihren Kampf gegen Leukämie zwei Jahre lang in einem Online-Tagebuch dokumentiert hatte. Kurz nach ihrem Tod dann ein weiterer Schock für alle virtuellen Freunde der Kranken: Kaycee hatte nie existiert; sie war eine Erfindung von Debbie Swenson. Die Hausfrau hatte Bilder von einem Mädchen aus der Nachbarschaft ins Web gestellt, Briefe und E-Mails beantwortet sowie die Geschenke gesammelt, die an Kaycee geschickt wurden.

Der Schwindel war erst aufgeflogen, als Kaycee-Unterstützer vergeblich auf eine Todesanzeige warteten. Solange Swenson das Internet für ihren Betrug nutzen konnte, hatte niemand Verdacht geschöpft. Im Web und per E-Mail erreicht man ein großes Publikum, bleibt selbst anonym und kann dennoch ein enges emotionales Verhältnis aufbauen - sogar zu Fantasiegestalten wie Kaycee. Die Expertin für ‘Online-Ethik’ Dianne Lynch beobachtet, dass viele Menschen das Internet für gute Zwecke nutzen wollen, der gesunde Menschenverstand dabei jedoch häufig auf der Strecke bleibt.

Kettenformen

Die einfachste Form, im Internet auf sich aufmerksam zu machen, sind Kettenbriefe, deren Inhalt den Empfänger zum Weiterleiten der E-Mail an Bekannte motivieren soll. So benötigt der Absender keine teuren Adresslisten. In seltenen Fällen richten Kettenbriefe wirtschaftlichen Schaden an; etwa wenn mit gezielten Falschmeldungen Aktienkurse manipuliert werden.

In anderen Formen rufen sie etwa zum Boykott eines Produkts auf (zum Beispiel das Benzin einzelner Mineralölkonzerne) oder schlagen den Empfängern vor, ihre politische Meinung per E-Mail kundzutun. So kursierte kürzlich die Aufforderung, das E-Mail-Postfach von US-Präsident George Bush zu füllen - mit der Aufforderung, er solle seinen Ausstieg aus dem Kyoto-Abkommen zurückziehen. Auf der anderen Seite bitten Firmen wie MP3.COM per Ketten-E-Mail, sich für ihren Fortbestand einzusetzen.

Warnungen vor nicht existenten Viren verunsichern Anwender und verursachen in Firmen, sofern sie ernst genommen werden, reale Kosten. Übersichten über diese so genannten Hoaxe pflegen die Technische Universität Berlin sowie der Amerikaner David Emery. Ein Blick auf diese Web-Seiten ist vor der Weiterleitung einer Virenwarnung eigentlich obligatorisch.

"Glücksbriefe" drohen mit Konsequenzen für den Fall, dass der Anwender sie einfach löscht - Krankheit oder sogar Tod. Auf die Tränendrüse des Empfängers wirkt eine besonders perfide Art: Ein schwer krankes Kind soll den Wunsch geäußert haben, E-Mails aus aller Welt zu bekommen. In Wirklichkeit stehen dahinter jedoch meist Adresssammler aus der Werbebranche.

Aus dieser Ecke stammen auch Kettenbriefe, die im Namen bekannter Firmen Geschenke versprechen, falls die E-Mail nur oft genug weitergeleitet wurde. Die Palette der versprochenen Präsente reicht von Coca Cola bis Champagner.

Schenk dich arm

Den gefährlichsten Kettenbrief-Auswuchs stellen Schneeballsysteme oder Pyramidenspiele dar. Ein Schneeballsystem basiert auf einer Liste von meist sechs Personen, die angeblich bereits an dem Spiel teilnehmen. Die Person in Position Eins erhält per Überweisung den geforderten Geldbetrag und verschwindet aus der Liste. Sodann schickt man die E-Mail an potenzielle Mitspieler mit den eigenen Personalien an der letzten Stelle der Liste weiter. In einigen Wochen, so versprechen die Initiatoren, rückt man an die erste Position vor und erhält Geld von vielen anderen.

Das System versagt jedoch in der Praxis, weil bald schon keine neuen Spieler mehr gefunden werden. Erhält man einen Kettenbrief mit sechs Adressen, deren Inhaber auf jeder Stufe durchschnittlich fünf neue Teilnehmer hinzu gewonnen haben, dann sind bereits rund 3900 Personen im Spiel. Bis man es an die erste Position geschafft hat und Geld zurück bekommt, müssen noch 15,2 Millionen weitere Mitspieler einsteigen. In der Praxis kassieren also allenfalls der Initiator und die ersten paar Teilnehmer, während alle anderen um ihren Einsatz geprellt werden.

§168a des österreichischen StGB verbietet Kettenbriefe und Pyramidensysteme ausdrücklich, sofern sie nicht zu gemeinnützigen Zwecken veranstaltet werden oder man nur geringe Einsätze erbringen muss. Bei Zuwiderhandlungen droht den Veranstaltern maximal ein halbes Jahr Haft. In Deutschland können solche Aktionen unter das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) §6c fallen. Wer Kenntnis von einem solchen Spiel erhält oder dazu eingeladen wird, kann sich bei Polizei oder Verbraucherschutzverbänden Rat holen und eventuell auch Strafanzeige erstatten.

Pyramidaler Betrug

Anders als bei Kettenbriefen bauen Pyramidenspiele häufig nur auf eine vierstufige Hierarchie auf. Dadurch bleibt einerseits die Teilnehmerzahl überschaubar, zum anderen gelangen die Teilnehmer schneller an die Spitze. Dort kassieren sie dann und verlassen danach das Spiel. Alle anderen rücken eine Position nach oben und die Pyramide teilt sich.

Bei einer vierstufigen Pyramide bezahlen acht Teilnehmer einen Gewinner aus - danach müssen sie selbst neue Mitspieler werben, um das Spiel am Leben zu erhalten. Angenommen, dass jeder Bürger der Bundesrepublik Deutschland an einem solchen Spiel teilnehme, gäbe es also rund zehn Millionen Gewinner - aber auch 70 Millionen Verlierer.

Pyramidenspiele sind fast immer illegal. Dennoch meinen die Betreiber der Web-Site www.starkonzept2000.de, ein rechtlich einwandfreies System anbieten zu können. Zwar warnt die Firma, dass "die meisten Pyramidenspiele von der Staatsanwaltschaft stillgelegt und die Macher wegen Betrugs hinter Gitter gebracht wurden", doch bei ihrem System könne man "sein Geld in Freiheit ausgeben und das Leben genießen". Wirklich profitieren dürfte von dem System allerdings nur das "Ideen-Versandhaus" selbst, dem man 30.000 Mark hinblättern muss, um zu erfahren, wie man sich "dämlich verdient".

Frauenpower

Auch Pyramidenspiele haben das Problem, genügend neue zahlungswillige Mitspieler zu finden. Beim in Deutschland gerade per E-Mail kursierenden vierstufigen Pyramidenspiel "Frau in der Mitte" (im US-Original "The Women's Gifting Circle" oder "Women empowering women") bedienen sich die Initiatoren hierfür in der Esoterik-Ecke. Sätze wie: "Ein Platz, an dem wir die Chance haben, uns zu verändern und zu heilen, während wir unserer unbewussten Muster von Begrenzungen bewusst werden" sollen dem Kreis neue Mitglieder - nur Frauen und nur auf besondere Einladung - zuführen.

Das Eintrittsgeld für den angeblich seit mehr als 20 Jahren existierenden Kreis beträgt 5000 US-Dollar, direkt zahlbar an die "Frau in der Mitte". Absprachen finden über ein amerikanisches Telefon-Konferenzsystem statt. Jede Teilnehmerin muss eine eidesstattliche Erklärung abgeben, dass das von ihr gezahlte Geld ein Geschenk ist und ihr keine Gegenleistung versprochen wurde. Zudem verzichtet sie mit dieser Erklärung "auf alle zivil- und strafrechtlichen Ansprüche gegen den Empfänger meines Geschenks und den Frauen-Schenk-Kreis im Allgemeinen".

Mit der Versicherung, die überwiesene Summe sei ein Geschenk, soll die Empfängerin sogar um die Pflicht zur Versteuerung der erhaltenen Summe herum kommen. Das amerikanische Steuersystem erlaubt steuerfreie Geschenke bis zu 10.000 US-Dollar pro Jahr. Das deutsche Steuerrecht gestattet es Steuerzahlern hingegen nur einmal in zehn Jahren, von Fremden ein Geschenk von bis zu 10.000 DM steuerfrei anzunehmen. Von den rund 85.000 DM, welche die Frau in der Mitte erhält, müsste sie demnach noch etwa 75.000 DM versteuern ...

Was tun ?

Ob Glücksbrief, Hoax oder Aufforderung zum Pyramidenspiel: Wer kein Sammler von Kuriositäten ist, drückt nach dem Empfang solcher Nachrichten am Besten die "Entfernen"-Taste. In modernen E-Mail-Programmen kann man für bestimmte Betreff-Zeilen oder Absender dann einen Filter setzen, sodass die Nachricht das nächste Mal am besten noch vor dem Laden vom Server gelöscht wird. Denn Kettenbriefe kursieren häufig lange.

Und: Lassen Sie sich nicht davon abhalten, einen eventuellen Straftatbestand der Polizei zur Untersuchung zu übergeben. Je eher die Behörden finanziell angeblich lukrative Spiele stoppen, desto weniger Menschen kommen zu Schaden. Warnen Sie Ihre Mitmenschen - aber bitte nur vor echten Gefahren.